Berichte
Härtetest im Stubaital 05.-08.09.2008
Mit gemischten Gefühlen fieberte ich meiner zweiten Tour mit der Sektion MSP entgegen. Gemischt deshalb, weil zum einen der Wetterbericht nicht das voraus sagte was ich mir erwünscht hätte (Sonne pur), und weil mir mein Kollege, mit dem ich sonst in den Bergen unterwegs bin, für diese Tour abgesagt hat. Was soll´s, werden mich wohl net fressen ( bei meinem Gewicht auch nicht so einfach )!
Am Freitag war es dann so weit. Pünktlich um 4 Uhr morgens wurde ich abgeholt und das Abenteuer Eisausbildung konnte beginnen. Nach ca. 6 Stunden Fahrt erreichten wir unseren Ausgangspunkt im Stubaital. Auf dem Parkplatz hatte ich dann die Möglichkeit meine größtenteils unbekannten Mitstreiter zum ersten Mal kennen zu lernen. Schnell war klar, dass wir nur eine weibliche Person aber immerhin 13 stramme Kerls waren. Paula wurde gleich zum massieren, bedienen und Rucksäcke tragen eingeteilt. Die Lacherei konnte beginnen. Nachdem wir unsere großen Rucksäcke in der Materialseilbahn verstaut hatten (welch ein Luxus!) machten wir uns an den ca. 2 stündigen Aufstieg zur Sulzenau Hütte auf 2196m. Hier zeigte sich gleich, dass die meisten ziemlich fit waren und mit den ca. 600 Höhenmetern kurzen Prozess machen wollten. Gegen Mittag erreichten wir unser
Ziel. Die erste Garnitur war somit durchgeschwitzt. Recht zügig konnten wir unsere Lager ( dazu später ein bisserl mehr ) beziehen.
Das Wetter schien uns gnädig,und so konnten wir uns nach einer ausreichenden Mittagspause gleich mit unserer Eisausrüstung, bestehend aus Steigeisen, Pickel, Helm, Gurt usw., auf dem Sulzenau Ferner vertraut machen. Schon witzig, wenn man mit fast 40 Jahren das Laufen ( mit Steigeisen ) neu lernen muss. Spätestens hier zeigte sich aber schon, dass wir zum Einen super Fachübungsleiter dabei hatten und zum Anderen auch eine super Truppe waren. Nachdem wir dann alle perfekt laufen, hüpfen, springen und klettern konnten ( grins ) ging es zurück auf die Hütte.
Nun wurde jedoch klar, dass wir zu mindestens mit unserem Lager ziemlich ins „Klo“ gelangt hatten. Wir wurden im Winterlager untergebracht, welches sehr kahl (Betonwände) und kalt war und zudem verlief direkt vor unserer Zimmertüre das Toilettenabflußrohr der oberen Stockwerke, was unser allen Geruchssinn des öfteren auf eine harte Probe stellen sollte. Keinerlei Haken oder Ablagefächer rundeten das Ganze noch ab. Die Hütte war voll, und so bestand auch keine Möglichkeit diese „Suite“ zu wechseln. Umso erstaunlicher, mit wie viel Rücksicht, Toleranz und sehr viel Humor dieser Um/Zustand von uns gemeistert wurde. Hier möchte ich mich auch gleich mal bei allen Teilnehmern für dieses beispiellose Verhalten bedanken!!!
Auch beim Abendessen zeigten wir uns von unserer besten Seite. Wir machten dem Koch indem wir uns Essensnachschläge geben ließen, gleich klar, dass wir aus dem Frankenland einen gesunden Appetit haben!
Da für Samstag gutes Wetter gemeldet war, entschieden sich unsere FüL für eine Gletschertour mit Gipfelsturm auf den Wilden Freiger (knapp über 3400m). Nach mühevollem gelatsche über Geröll und Blockwerk empfing uns Mutter Natur mit Wolken, Kälte und knackigen Wind mit stellenweise 100 km/h am Wilden Freiger Ferner auf ca. 2900m. Also alles anziehen was man so dabei hat und rauf auf den Gletscher, damit wir wenigstens Spaltenbergung üben können, wenn schon kein Gipfel möglich ist. Hätten wir lieber mal Zeichensprache geübt. Einfach irre, wie laut und kalt diese Windgeschwindigkeiten sich in dieser Höhe anhören und fühlen. Ein kleiner Teil der Gruppe machte sich gleich an den Abstieg, die Anderen wollten es unbedingt wissen und bleiben. Nach einem Durchgang der Spaltenbergung mussten aber auch wir vor dieser unheimlichen Kraft der Natur kapitulieren und umkehren.
Den Nachmittag nutzten wir dann, das Gelernte in Nähe der Hütte an einem Felshang weiter zu üben. Wir hofften alle, dass das für Samstag versprochene schöne Wetter uns am Sonntag beehrt.
Aber dummerweise war es dann so wie voraus gesagt! Regen, Regen und Regen. Klasse! Was nun? Den ganzen Tag wollte keiner auf der Hütte bleiben, also rein in die vorhandenen oder nicht vorhandenen Regenklamotten und raus an den Fels. Unsere FüL waren wirklich nicht zu beneiden. Bei Regen und sehr kaltem nebeligen Wetter hieß es Standplätze zu bauen. Nun konnten wir wieder unter extremen Bedingungen üben wie man sich alleine aus einer Spalte heraus arbeiten kann. Eine weitere Grenzerfahrung; nach ca. 3 Stunden waren dann auch die Letzten durchnässt und steif gefroren. An einem Seil hoch zu Prusiken macht zwar warm, aber nur den der es gerade macht und die Finger fallen einem doch irgendwann ab. Also wieder zurück in die wärmende und schützende Hütte. Wenigstens war es möglich, für einen Euro 4min lang warm zu duschen, was einem unter diesen Bedingungen der letzten Tage das höchste Gut gewesen ist.
Nachmittags stand dann noch mal Wiederholung der angewandten Techniken und Knoten auf dem Plan, allerdings in der warmen Stube. Ein bisschen Tourenplanung, Karten- und Kompass-Kunde rundeten diesen Nachmittag ab. Der letzte gemeinsame Abend wurde genutzt um Positives/Negatives über dieses Ausbildungswochenende, das in dieser Form mit gleich 4 FüL bisher einmalig war, zu erörtern bzw. gleich neue Anregungen für das nächste Jahr zu geben.
Da es am Montagmorgen immer noch regnete, beschloss man gemeinsam abzusteigen und Richtung Heimat zu fahren. Bei schönem Wetter wäre eine weitere Übungseinheit oder doch noch eine Gipfeltour erwägbar gewesen.
Abschließend möchten sich alle Teilnehmer bei unseren hervorragenden Fachübungsleitern Michael, Thomas, Bernd sowie Oleg recht herzlich bedanken und hoffen, das nächstes Jahr in gleicher oder ähnlicher Zusammensetzung eine Fortsetzung dieser Ausbildung möglich ist!
FüL: Michael Reuß, Thomas Bauereisen, Bernd Mergler, Oleg Baumann
Kursteilnehmer: Paula Ebert, Stefan Krimm, Fabian Krimm, Uwe Keller,
Marcel Brönner, Detlef Mühlmann, Walter Siegler,
Bernhard Steigerwald, Christian Gilgerstein, Stefan Grein
Berg heil und bis zum nächsten Mal!
Stefan Grein
Mindelheimer Klettersteig am 27/28. September 2008
Aus der Sicht von Gisela Baum, Familienreferentin und Teilnehmerin
Eine Bergtour mit Hindernissen oder Einer trage des anderen Last!
Hurra – es klappt ich kann mit zur Wochenendtour, habe von meiner Familie „frei“ bekommen. Der Mindelheimer Klettersteig soll es sein. Nicht besonders schwierig, wie mir versichert wird. Ich sage zu. Danach ein Blick ins Internet – da gehen die Meinungen schwer auseinander, von: „mir war die ganze Zeit nicht wohl“, „einige ungesicherte Stellen im I. und II. Bereich – natürlich absturzgefährdet“, bis zu „man braucht eigentlich keine Sicherungen ist ganz einfach“, ist alles dabei. Ich merke ein Unbehagen aufsteigen – ungesicherte Stellen im II. Bereich mag ich gar nicht. Aber trotzdem, es gibt jetzt kein Zurück mehr – da muss ich durch. Unser Betreuer Oleg will zur Sicherheit ein Seil mitnehmen – ich bin beruhigt.
Am Samstag morgen Anfahrt bei schönstem Wetter, der Aufstieg zur Hütte – alles easy. Was auffällt ist, Oleg hat den kleinsten Rucksack trotz 30m Seil – ich den größten. Auf der Hütte haben wir noch einen schönen Abend, bevor wir rechtzeitig ins Lager gehen, morgen heißt es um 6:30 Uhr aufstehen. Am nächsten Morgen merke ich, irgendwas stimmt mit meinem Magen nicht, trotzdem heißt es fertig machen und ab zum Frühstück doch da ist es wieder dieses Magengrummeln. Ich versuche es zu ignorieren und esse eine Schale Müsli mit einer Tasse Kaffee – packe beides nicht.
Dann geht’s zum Aufstieg zum Klettersteig, alles ganz normal. Doch kurz nach dem Einstieg muß ich stehen bleiben – ich glaube mir wird schlecht - das Müsli vom Frühstück sucht sich seinen Weg – mitten auf dem Weg – total peinlich. Aber dafür geht es mir danach besser, auch wenn mir gesagt wird, dass ich ziemlich käsig aussehe. Rucksack auf und weiter. Ich konzentriere mich auf den Klettersteig und auf das Sichern, tatsächlich kommen auch ein paar ungesicherte Stellen – kein Problem – nicht lange nachdenken – einfach drüber. Immer wieder machen wir ein paar kurze Pausen, wofür ich dankbar bin. Ich merke doch, dass ich nicht 100%ig fit bin – trotzdem macht der Klettersteig Spaß- wir haben tolles Wetter und super Aussicht. Ich denke 3 Stunden waren angegeben, da müssten wir ja bald an der Hütte sein, aber Oleg dämpft meine Hoffnung mit dem Hinweis, dass wir nach dem 2. Gipfel jetzt die Hälfte der Strecke geschafft haben, aber das Schwierigste wäre jetzt rum.
Okay, kann man nichts machen, also weiter klinken, klettern, klinken... Noch ein Köpfle dann haben wir’s sagt Oleg, doch nach dem Klettersteig taucht noch ein Gipfel auf, diesmal mit einem Gipfelkreuz. Oleg merkt, dass ich ziemlich fertig bin, habe schließlich
den ganzen Tag nichts im Magen. Er bietet mir an meinen Rucksack zu tragen, was soll ich machen – ich willige ein. Den allerletzten Anstieg zum letzten Gipfel schiebt er mich fast hinauf. Der weitere Weg zu Hütte geht jetzt einfach. Dort machen wir eine
Stunde Pause. Ich frage Oleg: Wie lange geht es noch ins Tal? Er meint 2,5 Stunden, ich bin erleichtert, das schaffe ich noch. Was ich nicht wusste, dass der Weg in Wirklichkeit mit 5,5 Stunden angeben war. Wir gingen los, ich wieder mit Rucksack und gestärkt mit Tee und Suppe. Langsam merkte ich, dass der Abstieg doch länger angegeben ist. Wieder nimmt Oleg meinen Rucksack, während Holger mich fast pausenlos mit Dextroenergen füttert. Achim – durchtrainiert läuft voraus, um das Auto vom Parkplatz näher ranzuholen. Wir wissen, dass es knapp wird, wenn wir nicht im Dunkeln laufen wollen.
Irgendwie funktionierte ich nur noch, einen Schritt vor den anderen, langsam dämmert es, noch etliche Höhenmeter sind zu gehen, irgendwann kommt uns Achim entgegen- mit einer Taschenlampe. Dann sind wir endlich am Auto. Sabine bietet mir den Vordersitz im Auto an. Dankbar legte ich mich in den Sitz. Noch ein letztes Aufmurren meines Magens und dann schlafe ich auch schon ein.
Daheim angekommen, geht es mir schon wieder so gut, dass ich selber heimfahren kann. Um 00:30 Uhr komme ich zuhause an. Am nächsten Tag muss ich wieder zur Arbeit, der ganze Spuk ist vorbei, außer der mächtige Muskelkater in den Oberschenkeln.
Im Nachhinein war es eine gute Erfahrung, eine schöne Tour, trotz der Anstrengungen und vor allem die Erfahrung dass ich so toll unterstützt wurde. Danke an alle die dabei waren, insbesondere natürlich an Oleg. Hoffentlich nimmt mich jetzt noch jemand mit!
Gisela Baum
Boulderwochenende in der Fränkischen Schweiz 27/28.09.2008
Samstag ging’s los! Nach kurzem Bouldermützencheck bin ich mit Thomas ins Trubachtal in die Fränkische gestartet! Bewaffnet mit Crashpad und Daunenjacke haben wir die Suche nach den perfekten Blöcken gestartet. Nach langer Suche waren sie plötzlich da. Eine leicht überhängende Bouldertraverse hatte unsere Neugier geweckt. Nach erstem Start und Auschecken war die Crux sofort klar und nach anschließendem Projektieren haben wir eine Lösung gefunden und uns dem Durchstiegesversuch gewidmet!! Doch wie es halt so ist im Leben, klappt halt nicht immer alles!!
Danach ging es noch an den Boy´s Tempel nahe der Heldwand. Wie der Name schon sagt, ist der was für starke Jungs ?. Gegen Abend haben wir noch im Ailsbachtal einige schöne Blöcke angeschaut, um schließlich zufrieden und müde im Heldbräu einzukehren. Das leckere Bier und auch die Bratwürste schmeckten nach so einem langen Tag vorzüglich.
Am Sonntagmorgen, müde und immer noch völlig kraftlos, haben wir uns entschieden einen eher gechillten Klettertag einzulegen. Bei schönstem Sonnenschein und optimalen Temperaturen haben wir uns dann sogar noch ein kleines Sonntagsprojekt gegönnt! Zufrieden und erfreut über das echt coole Wochenende ging’s wieder in Richtung sweet-home.
Marcel Brönner
Pik Lenin – Russian Style
Dr. Jürgen Dirscherl
Bericht über eine Expedition zum
Pik Lenin (7134 m) in Kirgistan,
23. August – 14. September 2007
(Kurzfassung)
Unweigerlich sinke ich immer weiter nach hinten. Der Sitz in der uralten Tupolew 154 ist wirklich eine Katastrophe. Um dem russischen Mütterchen hinter mir nicht in den Schoß zu sinken, kauere ich mich nach vorne, über 4 h lang. Der Flug mit Siberia Airlines von Frankfurt über Moskau nach Osh in Kirgistan ist nicht sonderlich angenehm, auch beim Gepäckgewicht ist Siberia knauserig.
Der Flughafen Osh scheint mit 100 Passagieren überfordert zu sein, die Paßkontrolle dauert Stunden. Zum Glück ist mein Gepäck da, auch das von Olaf aus Holland, Jan aus Estland und von "Expeditionsleiter" Sergei. Nur das von Cord aus Hannover fehlt und Sergei veranlaßt alles Nötige zur Nachsendung. Wir kennen uns alle mehr oder weniger vom Elbrus, Sergei ist russischer Bergführer und war mit seinen 24 Jahren inzwischen bereits 46 mal am höchsten Punkt Europas. In 2004 hatte er den Pik Lenin und den Khan Tengri alleine bestiegen. Bereits 2006 hatte er eine eigene Expedition zum Pik Lenin organisiert, wobei von den 13 Teilnehmern 2 den Gipfel erreichten, eine durchaus gute Quote. Der Pik Lenin im Pamir-Gebirge gilt mit seinen 7134 m als technisch einfacher Siebentausender. Leider sind viele Leute überfordert und zudem drückt das sehr wechselhafte Wetter die Erfolgsquote auf 10-15%.
Außer uns vier und Sergei wird noch ein einheimischer Führer – Andre aus Usbekistan – teilnehmen. Sergei kommt gerade von einer Expedition zum Broad Peak und K2 im Karakorum zurück. Am Broad Peak hatte er 7900 m erreicht, am K2 immerhin 7500 m. Vier Mitglieder seines Teams hatten den Gipfel des K2 erreicht – auch Dank seiner Mithilfe bei der Versorgung der Hochlager – und dabei auch etwa einem Dutzend anderen Bergsteigern den Weg zum Gipfel des K2 gespurt.
Nachdem Sergei für unsere Tour in großem Stil Lebensmitteleingekauft hat, beschließen wir, gleich nach Atschik Tasch, dem unteren Basislager am Pik Lenin, zu fahren. Bald sitzen wir in einem umgebauten russischen Militärlastwagen mit 6-Radantrieb. Anfangs sind die Straßen noch erträglich, doch bald besteht die Straße hauptsächlich aus gewaltigen Schlaglöchern, ist teilweise ganz ohne Belag. Die hügelige Landschaft ist jetzt im Spätsommer weitgehend ausgedörrt, nur die bewässerten Flußtäler sind grün. Schafherden und Pferde werden über die Straße getrieben. Nach einem ersten Paß mit 2400 m geht es lange einem Flußtal entlang. Schon in der Dunkelheit fahren wir über tiefe sandige Fahrspuren über einen weiteren Paß mit 3600 m Höhe.
Nach 50 holprigen Kilometern im Alaital biegt der Fahrer links ab auf einen Feldweg. Kurze Zeit später stehen wir vor einer 1 m hohen Uferböschung, dahinter schnellfließendes Wasser. Und – der Fahrer fährt einfach über die senkrechte Böschung hinunter und durch den Fluß. Durch das wilde Flußbett mit fußballgroßen Kieseln geht es weiter, dann entlang Fahrspuren durch eine zunehmend hügelige Landschaft, bis wir endlich nach Mitternacht Atschik Tasch (3750 m) erreichen. Für die gerade 230 km brauchten wir 10 Stunden reine Fahrzeit.
Wir essen noch in einer Jurte, dann beziehen wir die vorhandenen Zelte. Am nächsten Morgen sehen wir zum ersten Mal den Pik Lenin, noch gut 15 km weg, und doch gewaltig. Wir unternehmen eine kleine Wanderung bis auf 4000 m zur Akklimatisation. Erst am Tag darauf wechseln wir in unser eigentliches Basislager auf 4460 m auf dem Leningletscher. Das Gepäck und das Essen lassen wir von Pferden transportieren. Der frühere Zustieg über den Gletscher ist inzwischen durch dessen Rückgang so zerrissen, daß ein großer Umweg über die Moränen gemacht werden muß. Hauptproblem dabei ist die Durchquerung eines kleinen Flusses, je nachdem wieviel Schmelzwasser ansteht. Auf dem Hinweg haben wir erhebliche Probleme und zwei von uns holen sich nasse Füße.
Das Basislager ist auf einem Moränenrücken mitten auf dem Leningletscher aufgebaut, etwa 1 km von der mächtigen Pik Lenin – Nordflanke entfernt. Das Lager ist von Ende Juli bis zum Saisonende fest installiert. Während hier Anfang August an die dreißig Zelte stehen, sind inzwischen alle anderen Agenturen abgereist und es stehen nur noch fünf Schlafzelte sowie das Küchen- und das Eßzelt unserer Agentur Asia Mountains. Nach vier Stunden sind wir dort, es graupelt. Der Koch Ruschtam begrüßt uns und weist uns Zelte zu. Bald gibt es deftige Suppe. Er erzählt, im Juli hätte es jeden Tag sehr viel geschneit und auch im August gab es nur wenige Schönwettertage, nur einzelne Besteigungen waren gelungen. Laut Sergei soll das Wetter jetzt im Spätsommer stabiler sein, doch abends schneit es heftig und am Morgen liegen 30 cm Neuschnee.
Am nächsten Tag unternehmen wir einen ersten Akklimatisationsausflug bis auf 4900m und legen eine neue Spur durch das Spaltengewirr. Die Route führt die ersten 1000 Höhenmeter durch die vergletscherte Nordflanke mit zahlreichen Spalten und einem kleinen Eisbruch etwa in der Mitte, bevor sie in eine lange Querung übergeht, die zu unserem Lager 1 auf 5440 m führt. Das weitere Programm sieht vor, am nächsten Tag zu diesem Lager 1 aufzusteigen und dort zu übernachten. Dann Abstieg, Ruhetag und weitere Akklimatisationstour über Lager 1 zum Lager 2 auf dem Pik Razdelnaya, bereits 6150 m hoch. Danach wieder Abstieg, Ruhetag und Gipfelversuch über Lager 1 und ein zweites Hochlager, das allerdings höher am Gipfelgrat aufgebaut werden soll, möglichst schon auf 6400 m. Die Versorgung in den Hochlagern erfolgt durch uns selbst, wir haben keine Hochträger.
Nachts spüre ich Schmerzen in der Brust und fürchte, daß die Lungenentzündung, die ich erst vor 4 Wochen hatte, wieder auflebt. Ich bleibe am nächsten Tag im Lager, während Olaf und Cord mit Andre ihren ersten Vorstoß ins Lager 1 unternehmen. Jan leidet unter einer Augenentzündung und bleibt unten. Abends kommen vier Russen herunter, die trotz mehrerer Versuche kurz vor dem Gipfel wegen schlechten Wetters umdrehen mußten. Ich nehme Antibiotikum, schon am Abend scheint es anzuschlagen und am nächsten Morgen fühle ich mich wieder gut.
Als Sergei und ich am nächsten Morgen losgehen ist Jan leider wieder nicht dabei. Wir kommen in der noch sichtbaren Spur der anderen von gestern gut voran, und nach fünf Stunden stehen wir im Lager 1 auf 5440 m, wo wir die anderen treffen, die sich gerade zum Abstieg rüsten. Die Umgebung von Lager 1 sieht aus wie ein Müllplatz. Nach einer ruhigen Nacht fühlen wir uns fit für einen weiteren Aufstieg – fassen also erste und zweite Akklimatisationstour zusammen - und steigen die Rinne hinter dem Lager hoch. Danach geht es eher flach über eine Schneekuppe (5800 m) zur Steilflanke unter dem Pik Razdelnaya.
Die Flanke ist etwa 350 m hoch und bei vielleicht 40° Neigung gerade richtig für nette Lawinen. Laut Sergei ist dies auch das Hauptproblem an dem Hang. Sergei steigt den Hang durch knietiefen aber festen Schnee vor. Trotz der guten Spur muß ich ab 6000m für jeden Schritt einmal Ein- und Ausatmen und zusätzlich alle 10 Schritte verschnaufen. Obwohl er spurt ist Sergei viel schneller als ich, doch nach 4 Stunden ab Lager 1 stehen wir auf dem 6000er. Wir graben in zweistündiger Arbeit hinter einer alten Schneemauer eine Plattform für das Zelt aus. Nach Süden reicht der Blick weit in den Pamir bis zum Pik Kommunismus und Pik Korshnevskaya, beides gewaltige 7000er. Die Nacht verläuft ruhig, ich fühle mich trotz der Lagerhöhe von 6120 m gut. Von hier führt der Weiterweg 75 m abwärts in einen Sattel und dann über einen endlos erscheinenden, etwa 6 km langen Rücken zum Gipfel. Am nächsten Morgen lassen wir planmäßig mein Zelt stehen und steigen ins Basislager ab. Dabei begegnen wir den anderen (Andre, Olaf und Cord) im Aufstieg zum Lager 1 zur zweiten Akklimatisationstour.
Am nächsten Tag ist für Sergei und mich ein Ruhetag angesagt. Während des ausgiebigen Frühstücks kommt ein Funkruf von Andre aus Lager 1, daß eine junge Französin namens Olivia kurzatmig und bewußtlos sei und man sie dringend runterschaffen muß. Sergei und ich machen uns sofort fertig und steigen auf. Ich bin Sergei zu langsam, also folge ich nach, während er alleine vorsteigt. Außer unseren Leuten und dem Ehemann der Französin sind zufällig auch zwei Moskauer im Lager 1. Diese halfen mit, Olivia herunter zu tragen. Sergei baute erstmal einen Schlitten aus Eispickeln und Stöcken. Durch den Eisbruch müssen wir ein Fixseil legen, die Bergung ist heikel und erst gegen 5 Uhr abends sind wir zurück im Lager. Olivia wird versorgt, während die "Retter" im Eßzelt die Rettung feiern, nach russischer Art mit viel Essen und Wodka. Trinksprüche werden ausgebracht auf die Retter und alle anderen, bis der Wodka leer ist. Später kommt der angeforderte Helikopter und holt die Franzosen ab, wobei auch
die beiden Moskauer reinspringen. Damit sind wir wieder alleine am Berg. Olivia hatte sehr viel Glück, nur einen Tag früher oder später wäre das französische Ehepaar alleine im Lager 1 gewesen. Ihr Ehemann hatte kein Funkgerät und hätte sie alleine kaum runterschaffen können. Eine weitere Nacht mit Lungenödem auf fast 5500 m hätte Olivia kaum überlebt .
Sergei und ich sind von der Rettungsaktion geschafft und beschließen einen weiteren Ruhetag (ein fataler Fehler !), während die anderen am nächsten Tag wieder aufsteigen um die zweite Akklimatisationstour abzuschließen. Die letzte Woche war das Wetter recht gut, morgens klar, aber ab Mittag Quellwolken und abends bedeckt mit Schneefall, an manchen Tagen bis zu 30 cm im Basislager. In dieser Nacht erleben wir einen herrlichen Sternenhimmel. Ich nutze den Ruhetag um mich zu waschen und mich am Lachskaviar satt zu essen.
Einen Tag später als geplant beginnen Sergei und ich unseren Gipfelaufstieg. Die erste Etappe zu Lager 1 ist in viereinhalb Stunden geschafft, eine sehr gute Zeit. Am nächsten Tag steigen wir in nur dreieinhalb Stunden auf den Pik Razdelnaya, wobei wir den anderen im Abstieg begegnen. Olaf hatte sehr schlecht geschlafen, auch wegen des engen Zeltes, sie hatten sich zu dritt in mein Zweimannzelt gequetscht. Wir nehmen mein Zelt mit, steigen vom Razdelnaya in den Sattel ab und entlang des breiten Gipfelgrates auf. Das Wetter sieht sehr schlecht aus, in der Wetterrichtung Süden, in Tadschikistan, herrscht dichte Bewölkung und es schneit heftig. Eine Stunde später beginnt es auch hier zu schneien. Wir beschließen zu lagern und finden einen geeigneten Platz auf 6320 m.
Wir bauen eine kniehohe Steinmauer als Windschutz und verankern das Zelt "bombenfest". Am Abend schneit es weiter, doch ich hoffe, daß am Morgen klares Wetter herrscht. Nachts wird der Schnee heftig über den Grat getrieben. Am Morgen werde ich tief enttäuscht: Nebel und Schneefall. Wir warten ab, und tatsächlich reißt es gegen neun Uhr auf. Unter uns liegt eine geschlossene Wolkendecke (aus der es weiter heftig schneit, im Basislager fallen 40 cm Schnee). Vier Stunden später als geplant, gegen halb zehn, beginnen wir mit dem Gipfelaufstieg, doch mache ich mir keine großen Hoffnungen auf den Gipfel oder eine großartige Aussicht.
Bald erreichen wir das Plateau auf 6400 m und eine lange ebene Etappe beginnt. Teilweise ist der Schnee weggeweht, doch in Mulden ist er sehr tief. Danach folgt die Schlüsselstelle – genannt "the knife", ein steiler Grataufschwung. Der Firn ist hartgepreßt vom Wind und ich bin überrascht über die Steilheit von 45°-50°, mache mir aber nichts daraus. Oben angekommen, sehen wir, daß links von uns ein deutlich flacherer Zugang war, Sergei hatte den Grataufschwung zu direkt genommen. Wir sind
nun auf etwa 6800 m und machen Pause. Zum ersten Mal glaube ich wirklich, den Gipfel erreichen zu können. Über uns ist freier Himmel, knapp unter uns die Wolken. Wir haben in zweieinhalb Stunden
Zweidrittel der horizontalen und die Hälfte der vertikalen Strecke zurückgelegt, sind also gut in der Zeit.
Doch Minuten später kippt das Wetter, wir sind in den Wolken und es schneit. Sergei rät, umzukehren, und ich muß schweren Herzens zustimmen, das Wetter sieht wirklich nicht gut aus. Wir stapfen mühsam zum Zelt zurück. Sergei möchte unbedingt heute noch bis unterhalb des Lawinenhangs am Pik Razdelnaya absteigen, also packen wir das Zelt ein und steigen weiter ab. Trotz GPS haben wir Orientierungsprobleme. Selbst der Abstieg ist in den Schneemassen anstrengend, die 75 m Gegenanstieg vom Sattel zum Gipfel des Razdelnaya ziehen sich ewig. Im Steilhang unter dem Razdelnaya liegt der Schnee inzwischen mehr als hüfthoch. Sergei geht wegen der Lawinengefahr alleine vor, ich folge zehn Minuten später. Bei jedem Schritt bergab im steilen Hang sinke ich bis zum Bauch in den Schnee. Wir sind heilfroh als wir unten sind, es schneit unentwegt. Nach einer ebenen Etappe folgt die Rinne hinunter zum Lager 1. Wir sacken in Spaltenlöcher, die wir vorher kaum wahrgenommen hatten – natürlich unangeseilt wie meistens. Das Zelt der Franzosen (dürfen wir benutzen) ist einen halben Meter tief eingeschneit. Nachts schneit es weiter, es wird eisig, auch im Zelt.
Am nächsten Morgen ist herrlichstes Wetter, aber eisiger Wind. Wir beeilen uns, abzusteigen. Sergei warnt, wenn die Sonne auf den vielen Neuschnee scheint, wird es erst richtig gefährlich. Wir suchen durch den halben Meter Neuschnee unseren Weg durch die Spalten der Nordflanke. Ohne Spur ist besonders die Passage durch den Eisbruch sehr heikel. Nach dreieinhalb Stunden – gegen elf - sind wir unten. Sergei zeigt mir, bis wohin wir gestern am Gipfelgrat gekommen sind, von hier aus gesehen fehlte uns nur noch ein kleines Stück, vielleicht zweieinhalb Stunden ...
Die letzten Tage waren anstrengend (Sergei meint: "tough") und ein erneuter Aufstieg kommt nicht in Frage, auch wegen der Lawinengefahr. Tags darauf starten Andre, Olaf und Cord dennoch ihren Gipfelversuch. Kurze Zeit nach ihrem Aufbruch wache ich von einem lang anhaltendem Grollen auf. In der Umgebung des Lagers sind mehrere Eisbrüche und man gewöhnt sich an das Grollen durch kleine oder größere Eislawinen. Doch dieses Grollen will nicht mehr aufhören und klingt gedämpfter als sonst. Ich springe aus dem Zelt und sehe die gesamte obere Hälfte der Pik Lenin - Nordflanke in eine Schneestaubwolke gehüllte. Eine gewaltige Lawine muß oben abgegangen sein.
Glücklicherweise hat sie den unteren Wandabschnitt, wo unsere Leute noch sind, nicht erreicht. Als Stunden später wieder Funkkontakt gelingt, erfahren wir, daß sie weiter oben beinahe ein Schneebrett losgetreten hatten, die Stimmung sei auf dem Tiefpunkt. Unsere Leute gehen bis zu der flachen Kuppe auf 5800 m. Dort herrscht heftiger Wind und Schneefall, nur mit Mühe lassen sich die Zelte aufstellen. Andre schaut sich die steile Flanke unterhalb des Pik Razdelnaya genauer an – und erneut sackt er beinahe in einem Schneebrett weg. Im Hang sieht er horizontale Risse im bauchtiefen Schnee. Am nächsten Morgen müssen sie enttäuscht umkehren, die Lawinengefahr ist einfach viel zu hoch. Es kann Tage oder Wochen dauern, bis die Schneebretter abgehen, wir können dies nicht abwarten.
In Anbetracht dieser Verhältnisse war Sergei´s und meine Entscheidung, kurz vor dem Gipfel umzukehren, wohl richtig. Wären wir bis zum Gipfel weitergegangen, hätten wir kaum noch am gleichen Tag absteigen können. Dann wäre der Steilhang unter dem Pik Razdelnaya sehr gefährlich oder gar unpassierbar geworden. Ohne Olivia wären wir allerdings noch vor dem schlechten Wetter oben gewesen ...
Am nächsten Tag treten wir alle den Rückweg nach Atschik Tasch an. Auch das gesamte Lager wird abgebrochen, wir waren die letzten am Berg. In Atschik Tasch warten wir in der Jurte des Pferdebesitzers bei frischem Brot und einigen Bieren auf unser Gepäck. Aus dem Alaital haben wir noch einmal eine großartigen Blick auf die Berge. Nach 10 Stunden Fahrt erreichen wir am frühen Morgen Osh. Wir beziehen Zimmer in einem recht guten Hotel – und duschen erstmal.
Berggeschichten – Berichte unserer Mitglieder
Am nächsten Morgen besuchen wir den Bazar, er ist nicht malerisch aber sehr groß. Mehrmals am Tag ruft der Muezzin zum Gebet, außer uns sehen wir kaum Fremde. Ich erstehe für einige Cent einen Rasierer und nehme mir im Hotel erstmal den Vollbart ab. Abends trifft sich die gesamte Mannschaft zum großen Abschiedsessen. Die Trinkfestigkeit der Einheimischen ist wirklich bewundernswert, es wird etwa ein Dutzend Flaschen Wodka niedergemacht.
Am nächsten Tag stöbern wir durch Osh. Obwohl in 1200 m Höhe, ist es tagsüber gut über 30°C warm. Die ganze Stadt ist staubig und steht vor Autoabgasen. Überall stehen die Zeugnisse der Sowjetherrschaft mit deutlichen Zeichen des Verfalls in den letzten 15 Jahren. Außer einigen Restaurants, Hotels und Internetcafes ist kaum etwas neu entstanden. Immerhin ist das Leben hier sehr preiswert, mit dem Taxi in die Innenstadt kostet umgerechnet € 1, ein gutes Abendessen mit allem drum und dran € 5.
Für den nächsten Tag vereinbaren wir einen Ausflug nach Arslanbob, einem landschaftlich reizvollen Ort mit einigen Wasserfällen. Der Ort mit ausschließlich usbekischer Bevölkerung liegt sehr malerisch, umgeben von großen Walnußpflanzungen und schroffen Bergen bis auf 4400 m Höhe. Die kleineren Wasserfälle haben 23 m Fallhöhe, sind recht nett, der größere hat 80 m, ist aber schlechter zugänglich. Wir verbringen noch einige erholsame Stunden an einem schattigen, idyllischen Bach mit Essen, Lesen und Dösen, hier auf 2100 m ist es sehr angenehm.
Zwei Tage später ergattern wir auf dem Rückflug nach Moskau nach dem üblichen Chaos sehr gute Plätze am Notausgang und können die Beine ausstrecken. In Moskau gibt es noch einmal Probleme mit dem Gepäcktransfer, doch auch diese werden irgendwie auf russische Art gelöst.